Bildungsaction Hamburg


Pressespiegel

Presseartikel zum Thema Bildungspolitik.

Junge Welt vom 30.01.2009

»Wir sehen in Berlin keine Perspektive mehr«

Rund 300 Junglehrer setzen sich gegen miserable Bezahlung zur Wehr. Notfalls Abwanderung in andere Länder. Gespräch mit Torsten Ulrich

Interview: Ralf Wurzbacher
Torsten Ulrich ist Gymnasiallehrer in Berlin Neukölln und Sprecher der Initiative »Verbeamtung jetzt!«, eines Zusammenschlusses von knapp 300 Berliner Junglehrern, die sich gegen ihre schlechte Bezahlung zur Wehr setzen

Sie und Ihre Mitstreiter haben am Donnerstag demonstrativ Ihre Anträge auf Freigabe aus dem Schuldienst im Berliner Abgeordnetenhaus übergeben mit der erklärten Absicht, sich aus der Hauptstadt wegzubewerben. Wie ernst ist es Ihnen damit?

Jeder der über 100 Beteiligten, die ihre Freigabe offiziell bereits beantragt haben, will und wird sich nach einer Alternative andernorts in Deutschland umschauen müssen. Es geht hier nicht um eine Spaßaktion, unser Anliegen ist bitter ernst. Unter den momentanen Bedingungen sehen wir keine Perspektive in Berlin.

Und in anderen Bundesländern sind die Aussichten besser?

Je nach Fächerkombination stehen die Chancen dort günstig bis sehr gut. Es ist unstrittig, daß die Schulen vor einer gewaltigen Pensionierungswelle stehen, deren Anfänge sich bereits deutlich bemerkbar machen. Lehrermangel herrscht eigentlich jetzt schon überall und in allen Fächern.

Auch in Berlin?

Allerdings. Gerade vergangene Woche hat sich gezeigt, daß bei der Einstellungsrunde für das anstehende Halbjahr ab Februar im ersten Durchgang nicht alle Stellen besetzt werden konnten. Es mangelt schlicht an Bewerbern. Und die Lage wird im nächsten Schuljahr bestimmt nicht besser, wenn sich nichts grundlegend verändert.

Wieviel mehr Geld würde Ihnen eine Verbeamtung einbringen?

Angestellte Lehrkräfte erhalten je nach Familienstand monatlich zwischen 500 und 700 Euro netto weniger als ihre verbeamteten Kollegen – wohlgemerkt bei gleicher Ausbildung und Arbeitsbelastung.

Wie kommt der Unterschied zustande?

Die Bruttolöhne sind für Beamte und Angestellte in etwa gleich. Beim Angestellten schlagen aber die Abgaben für die Arbeitslosen- und Rentenversicherung massiv zu Buche, die für den Beamten nicht fällig werden.

Die Einkommenskluft ist aber nicht nur eine zwischen Berlin und anderen Bundesländern?

Genau das betonen wir immer wieder. Uns geht es vornehmlich um die Ungleichbehandlung innerhalb Berlins. Mein Tischnachbar im Lehrerzimmer unterrichtet wie ich in der 7b, erhält aber bei gleichem Alter und gleicher Arbeit 700 Euro netto mehr als ich. Das ist leider die Realität in sämtlichen Berliner Lehrerzimmern.

Hintergrund ist der, daß Berlin 2004 Abschied vom Beamtentum für Lehrer genommen hat und seither alle Neulehrer nur noch anstellt – aus Gründen der »Haushaltskonsolidierung«, wie es heißt. Sie halten dagegen, daß sich der Schritt nicht einmal finanziell bezahlt macht. Warum?

Der Angestellte ist sowohl kurzfristig als auch langfristig teurer als der Beamte. Kurzfristig, weil der Arbeitgeber seinen Anteil zu den Sozialversicherungsbeiträgen leisten muß, der zusätzlich zum Bruttoentgelt noch einmal etwa 25 Prozent ausmacht. Es gibt zudem mehrere Studien – etwa des Bundesrechnungshofs – die belegen, daß Beamte den Steuerzahler trotz Pensionsrückstellungen auch langfristig weniger belasten. Der schlechte Ruf des Beamtentums ist also keineswegs sachlich begründbar, sondern reine Ideologie.

Aber Beamte lassen sich nun mal nicht entlassen?

Wenn es der Staat ernst meint mit seinem Bildungsauftrag, dann kommt er um die massenhafte Einstellung von Lehrern und deren lebenslange Bezahlung ohnehin nicht herum. Im Moment würden in Berlin nicht einmal Haushaltspolitiker auf die Idee kommen, einen angestellten Lehrer zu entlassen. Dafür gibt es einfach viel zu wenig Nachwuchs.

Anfang Februar sollen neueingestellte Lehrer in Berlin brutto 450 Euro mehr erhalten. Ist das gar nichts?

Doch, und zwar einer fauler Taschenspielertrick. Dieses Geld bekommen zunächst einmal nur jene, die zum Februar anfangen. Und der Betrag entspricht dazu noch fast genau den Mindereinnahmen, die man neueingestellten Lehrern mit dem seit sechs Monaten gültigen Tarifvertrag aufgebrummt hat. Es bleibt also auch damit bei der Lücke von bis zu 700 Euro.

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